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Kreiskultur – Begegnung auf Augenhöhe

In der Natur können Sie überall Kreisläufe beobachten: Unser Tagesablauf, der Kreislauf der Sonne, die Jahreszyklen, der Wasserkreislauf, der Kreislauf des Lebens von der Geburt bis zum Tode. Wenn Menschen im Kreis zusammen kommen, dann knüpfen sie an diese Magie an.

Bei indigenen Völkern

Stellen Sie sich Folgendes vor: Zu einer Veranstaltung war als Ehrengast ein älterer Mann aus Grönland eingeladen, das Wissen seines Volkes mit uns zu teilen. Es fing damit an, dass wir uns auf einer Wiese im Kreis aufstellen sollten. Ich schätze, wir waren 200 Leute – zumeist Erwachsene. Das klingt doch nach einer einfachen Aufgabe. „Bildet einen Kreis!“ Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis alle nebeneinander standen, weil der eine oder andere seine Extrawünsche durchsetzen wollte. Dann kam die Frage von dem Ältesten: „Wisst ihr, warum es wichtig ist, dass alle sich im Kreis begegnen?“ Nach langer Zeit der Stille: „Damit wir nicht hinter dem Rücken eines anderen reden!“ Das hat mich sehr beeindruckt. Sofort kam mir die in unserem Sprachgebrauch gängige Floskel „Du sollst nicht hinter meinem Rücken reden“ in den Sinn. Dieser Repräsentant einer Gemeinschaft aus Grönland hat mich daran erinnert, dass sich in allen indigenen Kulturen, mit denen ich bisher in Kontakt gekommen bin, die Menschen im Kreis versammeln. Jeder wird gesehen, jeder ist Teil des Kreises, jeder ist wichtig, so wie jedes Glied in einer Kette. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Das ist die Basis für eine Begegnung auf Augenhöhe.

Im Business

Ich empfehle, den Stuhlkreis oder Sitzkreis gleich vorzubereiten. Halten Sie genügend Sitzgelegenheiten bereit, wenn Sie nicht wissen, wie viele Menschen kommen werden. Ist der Kreis einmal begonnen, dann rutschen die Menschen einfach weiter nach außen, um für weitere Platz zu schaffen. Wenn Sie Tische brauchen, dann lassen sich auch diese im Fünfeck, Sechseck, Achteck und immer runder anordnen.

Bei meinen Veranstaltungen gestalte ich gerne einen Mittelpunkt, der, wenn möglich, einen Bezug zum Thema schafft. Im Naturcamp nutze ich am liebsten ein offenes Feuer, weil es  Menschen wie magisch anzieht. Im Büro kann zum Beispiel eine Figur oder ähnliches das Projekt symbolisieren. Darum herum können Gegenstände angeordnet sein, die mit dem Thema des Treffens  zu tun haben. Das können Fotos von Menschen sein, die Ihnen wichtig sind – Vorbilder von Ihnen, auf die Sie gerne zu sprechen kommen, oder Firmengründer. Wenn Gegenstände in der Mitte, Ihre Gäste bzw. Teilnehmer neugierig machen, ist das der beste Einstieg. Auf Fragen kommen von mir in der Regel  Gegenfragen, die ich so formuliere, dass sie dem fragenden helfen, die Antwort selbst zu finden. Neugierde wecken ist ein Element des Coyote-Teaching, das in einem späteren Artikel beschrieben wird.

Wenn es notwendig ist, etwas an einem Flipchart oder mit einem Beamer zu präsentieren, experimentieren Sie mal mit einem Halbkreis statt der Stühle in Reihen. Das macht auch schon einen großen Unterschied.

Check-in

Wie in einem anderen Beitrag bereits beschrieben, hat eine Begrüßung mit einigen Worten der Dankbarkeit und Wertschätzung schon eine besondere Atmosphäre geschaffen. Ein weiteres Werkzeug ist der Redestab.

Diese Methode habe ich zum ersten Mal bei den Indianern kennengelernt. Dort ist sie die Basis für Redekreise, bei denen jeder zu Wort kommen kann und jeder gehört wird. Im Büro gibt es Teams, die einen kleinen Ball dafür nehmen. Wenn ich von Redestab spreche, meine ich einen Gegenstand, der signalisiert, dass derjenige spricht und die ganze Aufmerksamkeit des Kreises erfährt. Doch dazu gleich mehr.

Weil die Methode immer mehr Verbreitung findet, frage ich zunächst in die Runde, wer den Redestab bzw. die Redekugel nicht kennt. Wenn dann eine/einer den Mut hat aufzuzeigen, bedanke ich mich dafür und gebe allen zu verstehen, dass ich damit die Möglichkeit habe, diese Methode vorstellen zu können. Kennen einige den Redestab, dann frage ich nach ihren Regeln und ergänze meine, damit wir die gleiche Grundlage haben. So beziehe ich alle mit ein und schaffe ein Feld von Neugierde.

Redestab – drei bewährte Regeln

  1. Der Teilnehmer, der den Redestab hat, spricht nur von sich. Dabei erinnere ich manchmal an Politiker, die das Mikrofon gerne nutzen, um andere anzugreifen. Dem folgt in der Regel Verteidigung und Gegenangriff. Genau dies gilt es mit der neuen Redekultur zu verändern, indem die Teilnehmer von sich sprechen, also „Ich-Botschaften“ verwenden.
    Wer den Redestab hat, kann auch schweigen und hat trotzdem die volle Aufmerksamkeit. Das ist in der Regel eine große Herausforderung für alle.
  2. Alle anderen in der Runde hören aufmerksam zu. Das aktive Zuhören sichert dem Redner die ungeteilte Aufmerksamkeit der anderen im Kreis. Er nimmt wahr, dass er gehört wird. Das geschieht über das Unterbewusstsein, ob Sie dafür geschult sind oder nicht, Ihr Unterbewusstsein nimmt es wahr. (Wer am Handy spielt oder in Unterlagen blättert, ist mit seiner Aufmerksamt woanders).
  3. Als Moderator nehme ich mir  das Recht heraus, an die Regeln zu erinnern, wenn jemand sie vergisst. Das teile ich allen mit und hole mir die Erlaubnis von den Teilnehmern. Ausnahmslos alle waren bisher dankbar dafür. Gleichzeitig achte ich auch darauf, ob jemand vom Thema abweicht. Dann weise ich darauf hin. Wenn jemand sehr ausführlich und lange redet, bitte ich darum, auf den Punkt zu kommen.

Ich lasse den Redestab im Uhrzeigersinn kreisen, weil dies dem Lauf der Sonne entspricht, wie wir ihn auf der Nordhalbkugel erleben.

Mut zur neuen Methode

Ich mache Ihnen an dieser Stelle Mut, diese neue Methode in Ihrem Team einzuführen. Sie können ihrem Team vorschlagen, den Redestab als neues Werkzeug der Kommuniukation über einen bestimmten Zeitraum auszuprobieren. Wie lang, das lassen Sie am besten das Team gemeinsam festlegen – dann stehen auch alle hinter der Entscheidung. In der Regel spüren die Menschen schnell, wie angenehm das Klima wird, wenn jeder von sich spricht und keiner den anderen angreift.

Wählen Sie gemeinsam mit Ihrem Team einen Gegenstand, der als Redestab dient. Wenn er von der Gruppe ausgewählt wird, hat er noch mehr Kraft – er ist dann sozusagen ihr Symbol. Ein gemeinsames Commitment erleichtert es, die neue Methode bis zum Ende zu testen, und stärkt das Feld.

Viel Freude bei Ihren eigenen Erfahrungen mit den ersten Schritten der Kreiskultur!

Autor: Dirk Schröder